Hohenlohische und Fränkische Weintraditionen

„Wer Wein säuft - sündigt. Wer Wein trink - betet. Lasset uns beten." Diese Aussage stammt von keinem Geringerem als Theodor Heuss, dem ersten Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschlands, dem auch nachgesagt wird, dass er an jeder guten Rede „eine Flasche lang" geschrieben haben soll. Diese etwas saloppen Bemerkungen von und über den gebürtigen Brackenheimer drücken aber auch die Bedeutung und Qualität des Weins in Hohenlohe, Franken und dem Heilbronner Land aus, denn hier kommt man nicht am Wein vorbei.
Auf den mineralreichen Muschelkalkböden der sonnigen Steillagen und den Hängen der Keuperstufen von Kocher, Jagst und Main gedeihen Riesling und Silvaner, Trollinger, Lemberger und Dornfelder Reben vorzüglich. Wer sich selbst davon überzeugen möchte, kann diese guten Tropfen im Hohenlohischen unter anderem in einem „Besen" probieren. In Franken sucht man vergeblich nach dem ausgehängten Reisigbesen und der roten Lampe vor der Tür, die anzeigen, dass geöffnet ist. Dort bekommt man den gesunden Rebensaft in einer Heckenwirtschaft oder beim „Häcker" serviert.
„Besen" und „Häcker" haben eine lange Tradition, die unter Karl dem Großen entstanden ist. Der Kaiser ließ um das Jahr 800 die Rebflächen in ganz Deutschland stark erweitern, förderte den Weinbau und Keltertechnik und räumte den Winzern das heute noch gültige Recht ein, während drei Monaten im Jahr ihre Erzeugnisse an jedermann auszuschenken. In diesem Erlass wurde den Winzern angeblich der Betrieb von „Kranzwirtschaften" erlaubt, die durch einen ausgehängten Kranz aus Reben oder Efeu kenntlich gemacht wurden. Hintergrund soll gewesen sein, dass die Winzer kurz vor der neuen Lese ihre Fässer leer bekommen mussten. Hierzu luden sie Gäste in ihre Wohnstuben ein und servierten einfache regionale Gerichte.
Irgendwann wurden die Räumlichkeiten zu klein und die Scheunen wurden ausgebaut. Geblieben ist, dass reine „Besen" und Heckenwirtschaften laut Gesetz bis heute nur für vier Monate im Jahr öffnen dürfen und die Zahl der Sitzplätze auf 40 beschränkt ist. Die Kontrolle, wie viele Leute sich tatsächlich auf die Bänke quetschen oder ihren Wein im Stehen trinken, ist allerdings nicht geregelt. "Wenn die Leute einander auf dem Schoß sitzen, können wir auch nichts machen." So die lapidare Aussage eines Besenwirts. Weil es die Ordnungshüter aber nicht immer so locker sehen, besitzen die meisten Besenwirte inzwischen eine Vollkonzession und haben über das ganze Jahr hinweg geöffnet, was der Gemütlichkeit in der Regel aber keinen Abbruch tut. Zum Wein werden unter anderem „Blaue Zipfel", „Schlachtplatte", „Ripple mit Sauerkraut", Zwiebelkuchen oder Bauernbrote mit Griebenwurst, Hausmacher Leberwurst oder Griebenschmalz gereicht.
Fest steht jedenfalls, wer in Hohenlohe oder Franken Erholung sucht, muss auch in einen „Besen" oder beim „Häcker" einkehren. Nirgendwo kommt man so leicht mit Einheimischen in Kontakt und es wird meist ein guter Tropfen von den eigenen Weinbergen ausgeschenkt und in der Regel zum verbraucher-freundlichen Preis.
Und wer einmal an einer Traubenernte dabei sein möchte, eine Möglichkeit hierfür ergibt sich sicherlich beim Gespräch mit einem der Wengerter, denn hier wird jede Hand gebraucht. Die einzigartige Atmosphäre, die bei einer Lese entsteht, lässt den Wein am Abend mindestens doppelt so gut munden. Wer dann nach einem gemütlichen Abend keine Lust mehr hat, sich auf den Heimweg zu machen, kann es sich häufig in einfachen Unterkünften gemütlich machen.
Sollte man aber gerade zu einer Jahreszeit in Franken oder Hohenlohe seinen Urlaub verbringen, und keinen geöffneten „Besen" oder „Häcker" antreffen, muss man deshalb trotzdem nicht verzweifeln. Wo Wein wächst, dort verstehen sich die Menschen aufs Feiern. Zahlreiche Weinfeste auf Straßen und Plätzen haben sich über die Jahre etabliert, so dass man sicherlich ein Hof- oder Weinfest findet, auf dem man die verschiedenen Weinsorten ausgiebig schöppeln kann.

Aus: Eine Kulinarische Entdeckungsreise durch Hohenlohe-Franken