Von Goldeseln und grünen Pferden...

Text: Karina Schmidt 

Ich glaub', ich sehe nicht richtig. Als ich gerade das Schulgelände verlassen will, versenkt meine Jüngste gerade ihr Pausenbrot im Mülleimer und beißt genüsslich in einen Schoko-Riegel. Ihr Glück, dass sie umringt ist von Freundinnen, daher stelle ich sie nicht sofort zur Rede. Erst gestern habe ich aus dem Sportbeutel meiner Ältesten drei alte Pausenbrote entsorgt - mit grünen „Pferden" drauf...
Angriff ist die beste Verteidigung - beim Abendessen erkundige ich mich, ob ihnen eigentlich das Schulvesper schmeckt. „Klar!" Knallrote Backen meiner Jüngsten. „Warum fragst du denn?" Unschuldig schaut mich meine Älteste an. Ich schildere meine Entdeckungen. Nach einigem Hin- und Hergedruckse kommt heraus: Stullen mit Wurst sind einfach nicht „cool". Und die Gurkenscheibe reißt es auch nicht.
Toll, jeden Tag 50-80 Cent in den Gully gekickt - von meiner liebevollen Mühe mal ganz abgesehen. Ganz so groß ist der Schaden nicht, teilen sie mir mit. Die Brothälfte ohne Butter komme sonst immer den Spatzen auf dem Schulhof zu Gute.
Ob ich Ihnen das Geld nicht lieber direkt geben könnte - so zwei bis drei Euro pro Kind sollten es aber täglich schon sein -, für Getränk, belegtes Brötchen und Süßigkeit. Bin ich ein Goldesel?
Abgesehen davon, wo bleibt dann die gesunde Ernährung? Die Antwort erfolgt prompt: Ob ich denn nicht auf den diversen Produktinformationen gelesen hätte, dass zum Beispiel in nur 4 Fruchtbonbons 60 % der notwendigen Tagesration von Vitamin C enthalten ist. Aber so leicht ziehen sie mich nicht über den Tisch! Darauf bin ich vorbereitet: Ich präsentiere ihnen das ausgedruckte Ergebnis meiner nachmittäglichen Internetrecherche. Thema erledigt.
Wir erstellen gemeinsam eine Liste, für jedes Kind zwei Spalten, ihre Wünsche und meine Vorgaben. Mein Veto kippt Plastikbrötchen mit Wurst aus der Folie und überzuckerte Joghurtcremes. Für Brötchen anstatt Brot kann ich mich erwärmen. Zum Aufbacken, denn ich verweigere den Gang zum Bäcker jeden Morgen vor der Schule. Auf ein Stück Obst oder Gemüse bestehe ich. Aber o.k., es kann auch etwas anderes sein, als der obligatorische Apfel oder die übliche Möhre.
Das Getränk stellt uns vor ein neues Problem. Die Trinkflasche ist total out - gefärbtes Fruchtzuckerwasser lehne ich dagegen ab. Wir diskutieren gerade über Multivitamin- oder Apfelsaft im Tetrapack und mein Umweltgewissen, als meine Kollegin an der Haustür klingelt.
Sie überreicht mir eine Bäckertüte mit angebissener Schneckennudel, eine Pappschale mit kalten Pommes mit Ketchup- und Mayo-Spuren und die halbvolle Colaflasche, die ich in der Hektik im Büro vergessen habe. Sie meint: „Ist ja Wochenende, das schmeckt am Montag bestimmt nicht mehr."
Meine Kinder warten freundlicherweise, bis der Besuch gegangen ist. Ohne ein weiteres Wort setzen wir uns an den Tisch und erweitern die Liste mit meinem Namen um zwei Spalten.